Wozu Supervision in der Schule?

November 21, 2008 von rtriendl

Nicht erst seit Pisa stehen Lehrer unter Druck. Alle Welt lamentiert: „Gute Lehrer braucht das Land!“ Nicht nur hervorragend Mathe oder Deutsch z. B. sollten sie vermitteln, sondern damit inzwischen auch noch das Lernen lehren. Sie müssen außerdem profilierte Pädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen und Mediatoren sein. M. a. W.: Lehrerarbeit stellt hohe intellektuelle, soziale und emotionale Ansprüche. Sie findet statt im gesellschaftlich markierten Begegnungsraum der Generationen, in dem Widersprüche und Konflikte im Grunde eigentlich schon zum „normalen Geschäft“ gehören.

Sozialisiert zu hochgradigen Einzelkämpfern, mit geringen Chancen zu Aussprache und Rollenklärung im System, verbrauchen Lehrer sich im Spannungsfeld zwischen Unterrichten, als Agenten der Erwachsenenwelt, und Erziehen, als Anwälte der Kinder, reiben sich auf zwischen Fordern und Fördern, zwischen dem Anspruch persönlicher Begegnung mit dem Einzelnen und der Steuerung des komplexen sozialen Systems der Klasse, zwischen dem Erwartungsdruck von Seite der Eltern, die ihr schlechtes Gewissen gerne delegieren, und steten Angriffen der Medien auf der Suche nach Sündenböcken für fast alle Probleme der Gesellschaft.

LehrerInnen werden von früh an gedrängt, eine Fülle von institutionell programmierten Schwierigkeiten, Problemen und Konflikten als Defizite ihrer eigenen Persönlichkeit zu diagnostizieren: Die Folge solcher beruflicher Selbstkonzepte ist ein Leben mit schlechtem Gewissen im Dauerstress eines Bewusstseins, niemals ausreichend kompetent zu sein und nie genug getan zu haben. Also flüchten manche mittags schneller in ihren Golf als ihre Schüler aufs Fahrrad, leiden immer mehr an einem Burnout – Syndrom, bevölkern die psychiatrischen Kliniken häufiger als jeder andere Berufsstand und weichen in die Frühpension aus, wo immer sich eine gesetzliche Chance bietet.

Schon Sigmund Freud zählte das „Erziehen“, neben dem Therapieren und Regieren zu den „unmöglichen Berufen“, denn hier könne man nicht zurückgreifen auf gesichertes Wissen und effektive Methoden.

Spätestens jetzt stellt sich die Frage: Brauchen nicht Menschen in einem so schwierigen, „unmöglichen Beruf“, Situationen und Orte, an denen sie gemeinsam ihr Handeln und das Verhalten ihrer „Klienten“, d. h. der Schüler, die ihre pädagogischen Dienste in Anspruch nehmen (oder verweigern) reflektierend beobachten können? Bedürfen sie nicht dringend einer professionell strukturierten Gelegenheit, ihre Arbeit im Kontext der Institution Schule und ihrer eigenen Lebensgeschichte bewusst wahrzunehmen und neue Lösungen zu entdecken? Immerhin stehen LehrerInnen in ihrer Praxis ständig zwei Kindern gegenüber: Einmal dem Schulkind vor ihnen, zum andern immer auch dem verdrängten in jedem einzelnen, um womöglich lebenslang gutzumachen und zu versöhnen, was einmal an ihm selbst „verbrochen“ wurde.

Überall dort, wo man heute von Menschen komplexe, anspruchsvolle Dienste erwartet, von Pflegeberufen in der Intensivstation und Sozialarbeitern mit schwierigen Familiensystemen bis hin zur Flugsicherung wird dieser professionelle Reflexionsraum in Form von Supervision nicht nur angeboten, sondern weithin verordnet.

Warum aber ist Supervision gerade im Raum der Schule mit ihren wachsenden Problemen und ihrer oft schwierigen „Kundschaft“ immer noch ein kaum bekannter Begriff? Hat das vielleicht u. a. damit zu tun, dass unter den herrschenden Zwängen nirgendwo sonst die Kunst des Verbergens (hinter den dicken Mauern des eigenen Klassenzimmers) und Verdrängens grassiert, wie in der Schule, und dass paradoxerweise gerade hier eine zweifelhafte Kultur im Umgang mit den eigenen und den Fehlern der anderen herrscht? Und das weithin auf eigene Kosten?

Unter LehrerInnen ist die Angst groß, Supervision hätte etwas mit Therapie zu tun, mit Entwicklungshilfe für dilettantische Anfänger und schwache Kandidaten im Berufsfeld. Doch Begriffe wie Störung, Defekt, Versagen, Neurose und Seelenstriptease, Therapie, Patient und Heilung kommen in der Supervision nicht vor. Supervision ist auch kein Reparaturbetrieb, um bildungspolitische Fehlentscheidungen zu kompensieren oder ein Instrument zu Überwachung und Bewertung Sie ist keine Veranstaltung, bei der man sich für oder gegen jemanden verbündet, und schon gar nicht ein Allheilmittel aus der Psycho – oder Esoterik – Apotheke. Denn gerade im Raum der Schule gibt es keine schnell und leicht anzurührenden „Instant – Lösungen“.

Supervision ist Arbeit an der „Arbeit im Kernbereich der beruflichen Existenz des Lehrers“. Ihr Brennpunkt sind nicht Defizite und Mängel, sondern bisher nicht genutzte Fähigkeiten und Ressourcen, mit dem Ziel der Entwicklung und Stärkung der professionellen Identität, der Förderung der psychischen Stabilität und der Freude an der Arbeit in einem schwierigen und gesellschaftlich brisanten Umfeld, schließlich der Sicherung hoher fachlicher und menschlicher Kompetenz durch Qualifizierung und Weiterbildung.

In der Supervision suchen LehrerInnen Abstand zu ihrer eigenen Tätigkeit, gewinnen Einsicht in systemische Abläufe, als deren Opfer sie sich bis dahin oft erfuhren, entwickeln neue Kriterien und Handlungsperspektiven, beugen Konflikten und unerfreulichen Frontenbildungen (z. b. zwischen „progressiven“ und „tradierten“ Interpretationen) vor und beginnen schließlich Strukturen und Organisationsformen zu hinterfragen.

Dabei versteht sich der Supervisor keineswegs als Experte, der andere belehrt, sondern nur als genauer und neugieriger Beobachter im geschützten Raum absoluter Verschwiegenheit, der nach bestimmten Konzepten den Prozess begleitet. Das häufigste und ideale Setting ist die Gruppensupervision mit Kollegen/Kolleginnen aus unterschiedlichen Schulen, oder die Teamsupervision mit einer Gruppe von LehrerInnen einer Schule. Häufigster Schwerpunkt ist die „Fallarbeit“, d. h. Reflexion konkreter Praxisgeschichten mit unseren schwierigen „Klienten“, aber eben auch Themen der Team – und Organisationsentwicklung.

Leider findet Supervision, wie die gesamte Lehrerfortbildung, außerhalb der Dienstzeit statt und muss paradoxerweise immer noch selbst finanziert werden. Allerdings gibt es für Gruppen, die sich schnell genug am Schulbeginn melden, eine finanziellen Unterstützung durch das PI mit einem Selbstbehalt für die Kollegen/Kolleginnen. (Zuständig dort ist der Kollege Gregor Örley.) Hat man sich für eine/n Supervisor/in entschieden, findet ein Erstgespräch statt und nur dann, wenn feststeht, dass man miteinander kann, beginnt die Arbeit mit der Frage nach dem genauen Auftrag.

Eingebettet in ein Klima des Verständnisses, der Behutsamkeit, der Rücksicht und der gegenseitigen Wertschätzung stehen die Aussichten gut, Lust und Freude an einem schwierigen, anspruchsvollen und letztlich erfüllenden Beruf als LehrerIn vorsorgend zu bewahren oder neu zu gewinnen.

Supervision Teamentwicklung Organisationsentwicklung Coaching

Dr. Triendl Richard 0544266680 069910666813 richard.triendl@schule

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